100km Ultralauf in Biel (Schweiz) vom 15.06.2007
Mittwoch, Juni 20th, 2007 Die Sporttasche, der Laufbeutel vom Luxemburg-Marathon 2006, der Koffer und der Rucksack waren gepackt, es sah aus, als würden wir für 2 Wochen verreisen,
dabei war es nur eine 2-Tagestour in die Schweiz.
Geduldig wartete ich darauf, das mein Sohn an diesem Freitag die 5. Schulstunde
beendete, damit wir mit dem Zug von Brühl in Richtung Flughafen Düsseldorf fahren konnten. Glücklicherweise hatte er von seiner Klassenlehrerin früher frei bekommen,
damit wir etwas mehr Zeitpuffer in der Anreise zum Flieger hatten.
Der Zug kam sogar 3 Minuten früher als erwartet. Unruhig wurde ich aber erst, als wir im Kölner Hauptbahnhof die Ansage der weiteren Zielbahnhöfe unseres Zuges hörten.
Dabei fiel mir auf, dass wir weder in Brühl eine Ansage des Zuges gehört hatten, noch lesen konnten, wohin der Zug eigentlich fahren würde.
Glücklich verließen wir also in Köln den Zug und suchten unsere eigentliche Verbindung, die knappe 5 Minuten später eintraf.
Der Puls senkte sich wieder, ich wollte mir gar nicht ausmalen, was für ein Stress aufgekommen wäre, wenn wir unseren Fehler erst später bemerkt hätten.
So verlief der Rest der Anreise sehr ruhig, das Flugzeug startete ziemlich pünktlich
in Richtung Zürich und der Anschlusszug nach Biel passte wunderbar in den Zeitplan.
Das den Startern des Ultralaufes in Biel ein um 50% ermäßigtes Ticket angeboten wurde,
sei nur am Rande der hervorragend organisierten Veranstaltung erwähnt.
Kurz vor 18 Uhr trafen wir im Bieler Bahnhof ein. Nun hieß es nur noch, sich auf die Suche der Verleihstation für Fahrräder zu machen, da ich für meinen Sohn frühzeitig auf der Homepage des Veranstalters ein Fahrrad gemietet hatte. Denn er wollte mich ja als Fahrradbegleiter, oder offiziell als „Coach“, auf den 100km der Bieler Lauftage betreuen.
Mit unserem Fahrrad und dem Gepäck machten wir uns in Richtung Hotel auf, durch die belebte Innenstadt von Biel, wo die Vorbereitungen schon zu erkennen waren.
Das Zimmer war zwar erst von Samstag auf Sonntag gebucht, aber ich durfte unser sonstiges Gepäck bis dahin deponieren.
Nachdem wir uns danach noch gestärkt hatten ging es langsam in Richtung Startbereich im Außenbezirk von Biel. Hier galt es ja noch die Startnummer zu besorgen, das Startgeld für meinen „Coach“ zu hinterlegen, damit er auch offiziell als Begleiter die Strecke befahren und mich betreuen durfte.
Nun war nur noch zu klären, wie viel Ersatz-Laufklamotten, Regenkleidung und evtl.
wärmere Kleidung für die Nacht mitzunehmen wäre. Würde es regnen, ist die Kälte für den Radfahrer stärker zu spüren als für den Läufer?!? Glücklicherweise hatte ich mich im Vorfeld des Laufes mit „alten Hasen“ in Köln zum Erfahrungsaustausch getroffen. Hier erhielten wir, wie sich später herausstellte, sehr wertvolle Tipps. Vom Fahrradkorb, über Handschuhe, Kappe/Mütze für die Nacht unter dem Fahrradhelm (Pflicht), bis hin zum batteriebetriebenen Licht, denn Fahrradfahren bei 7-10 km/h mit Dynamo kann auf die Dauer sehr anstrengend sein.
Mein Coach war somit gut ausgestattet, vorne einen befestigten Korb für die zusätzliche Verpflegung, Lampe statt Dynamo und hinten auf dem Gepäckträger die Ersatzklamotten, bzw. wärme Sachen für meinen Sohn.
So gingen wir dann langsam zum Start, denn die Radfahrer dürfen die ersten knapp 23 km nicht die Originalstrecke fahren. Daher starten sie eine halbe Stunde früher, müssen dafür aber länger auf uns Läufer warten.
Langsam wurde es ernst, denn plötzlich standen einige Hundert Rad fahrende Begleiter und warteten darauf, dass es langsam losging. Ich wurde nervös, denn ich hatte mich mit meinen „alten Hasen“ aus Köln hier verabredet, damit mein 15-jähriger Sohn Begleitung hatte und sich nicht ganz allein die ersten 2,5 – 3 Stunden fühlen würde.
Allerdings sah ich kein bekanntes Gesicht, weder vorne, noch ganz hinten. Plötzlich fiel der Startschuss für die Radfahrer, als ich zwei der drei gesuchten Begleiter fand.
Jetzt rutschte mir das Herz in die Hose, denn einerseits hatte ich sie gefunden und andererseits war mein Sohn ca. 300 Meter vor mir mit anderen Radfahrern in Bewegung geraten, da es offiziell losging. Ich überlegte nicht lange und lief, besser spurtete ihm hinterher. Glücklicherweise verlief der Start ähnlich schleppend wie bei größeren Veranstaltungen, bei denen man nach einigen Metern auflief und wieder zum Gehen kam.
Ähnlich langsam ging es auch bei den Radfahrern zu, sodass ich ihn nach ca. 500 Metern eingeholt hatte, allerdings hörte er meine Rufe nicht. Als ich ihm auf die Schulter klopfte,
blickte er überrascht zurück. Er hatte bereits seinen I-Pod eingeschaltet.
Ich bat ihn rechts zu warten, denn gleich würden wie verabredet die beiden Kölner Begleiter zu ihm stoßen, damit sie gemeinsam losfahren konnten. Also hieß es nun, wieder zurücklaufen und den Kölnern bescheid sagen, das mein Sohn nach der Kurve warten würde. Ich beschrieb ihn kurz, denn sie wussten ja nicht wie er aussah. Laufend begleitete ich sie, bis ich sehen konnte, dass sie ihn bemerkt hatten und sodann gemeinsam dem bereits etwas enteilten Fahrradfeld hinterherfahren konnten.
Wieso war ich eigentlich schon jetzt aus der Puste?!?
Es blieben mir ja knappe 20 Minuten um wieder herunter zu kommen und mich auf meinen eigenen Start zu freuen. Ich machte ein Foto nach dem anderen, wie ich bereits auch die Zweiradfahrer reichlich geknipst hatte. Die Stimmung stieg langsam, egal ob in Deutsch, Französisch oder im „Schwyzer-Dütsch“ (???), die „Nacht der Nächte“ wurde heraufbeschworen und stimmungsvoll gepriesen. Nervosität machte sich breit, sie vermischte sich mit Vorfreude und einer Handvoll Fragen, die ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beantworten konnte. Hatte ich genug trainiert?!? Schafft mein Sohn die Strecke?!? Wie kalt wird die Nacht?!? Reichen die Batterien?!? Starte ich mal wieder zu schnell?!?
Eigentlich sollte ich langsam in diesen Dingen eine gewisse Routine haben, denn alle Fragen, bis auf die Fitness/Schlafmangel meines Sohnes, waren unnötig.
Vielleicht brauche ich aber diese innere Unruhe vor dem Start, um mich nicht zu sehr von den anderen Läufern puschen zu lassen.
Der Startschuss erfolgte pünktlich, die Stimmung war gut und die Anfeuerung durch Freunde, Bekannte, Helfer und nicht zuletzt der Bieler Bürger folgte prompt. Ich hatte meinen MP3-Player schon lange eingeschaltet, aber die Lautstärke heruntergedreht, da ich einerseits abgelenkt werden wollte und andererseits die Gänsehaut durch die stimmungsvolle Atmosphäre mitnehmen musste. So ging es dann die ersten Kilometer zu später Stunde (22 Uhr) durch die Stadt, angefeuert durch viele Zuschauer, Musik und guter Stimmung. Ich ließ mich davon tragen, etwas schneller als geplant, aber das werde ich wohl nie so richtig ablegen können. Nach wenigen Kilometern ging es raus aus Biel und nun wurden die Eindrücke zum ersten Mal faszinierend. Die Bilder in der Stadt kamen mir von einem anderen Event bekannt vor, da ich in 2006 einen Abendmarathon in Luxemburg gelaufen bin, aber nun zog es uns aufs Land, durch einzelne Dörfer, teils nur von unseren eigenen Lampen erleuchtet. Selten habe ich es erlebt, dass ich so früh innerhalb eines Laufes schon Freude verspürte. In den Dörfern wurden wir begrüßt, mal mit Musik, mal mit frischem Grillgeruch. „Wie gut, dass ich jetzt noch keinen Hunger hatte.“
Die Zeit verstrich für mich wie im Fluge, so beeindruckt war ich, selbst von Kleinigkeiten,
denn trotz der Dunkelheit entlang der Felder konnte ich die Lichter am Horizont erkennen, die sich wie eine Schlange bewegten. Die zwischenzeitlichen Steigungen habe ich so gar nicht wirklich mitbekommen, egal ob es die kurz vor km 10 war oder die nicht unerhebliche Steigung beim Zusammenkommen mit den Radfahrern bei km 23 in Lyss.
Hier profitierte das erste Mal mein Sohn als Coach von dem Treffen mit den Kölnern, denn am Treffpunkt mit den Begleitern ging es einige Hundert Meter bergauf, hier sollte Daniel, mein Sohn, diesen Hügel mitnehmen und oben warten, denn mit kalten Muskeln und einer Wartezeit von ca. 2,5 Stunden wäre das kurzfristig zu anstrengend. Zumal sich der „Hügel“ einige Hundert Meter hinaufschlängelte. Aber was sind einige Hundert Meter bei dieser Gesamtlänge!!!
Nichts!!!
Hier traf ich also endlich meinen Sohn wieder, leicht frierend, obwohl die Nacht recht mild und angenehm war. Aber er wartete ja bereits einige Zeit auf mich, was er mir natürlich auch direkt aufs Brot schmierte, als er davon erzählte wann die ersten Läufer bei ihm vorbeigekommen sind. Es sollte nicht der letzte motivierende Spruch von ihm bleiben. ![]()
Jetzt hieß es gemeinsam bis zum Ho-Chi-Minh-Pfad auf dem Emmendamm entlang der Emme zu laufen, bzw. Fahrrad zu fahren. Zumindest war es so geplant, denn bei diesem Pfad kam die zweite und letzte Trennung von Läufer und Begleiter, aber dazu später mehr,
denn die Nacht hatte noch eine Überraschung für uns.
Wir näherten uns langsam dem Marathonziel (für die Marathonläufer) und waren schon knappe 5 Stunden unterwegs, wir hatten ungefähr Samstagmorgen kurz nach 3 Uhr, als wir uns kurz entschlossen eine kleine Pause einzulegen, um etwas zu essen und zu trinken und das ich mich das erste Mal umziehen konnte, denn es hatte kurz zuvor angefangen etwas zu regnen, zudem wurde es nun doch etwas kühler.
Daniel setzte sich auf die Treppe einer Haustür, lehnte sich an die Hauswand und war eingedöst. Der lange Tag zerrte nun doch an seinen Kräften, schließlich war er seit knapp 22 Stunden auf den Beinen, bzw. war er am Anreisetag des Starts (Freitag) noch in der Schule. Ich ließ ihn schlummern und traf zufällig jemanden aus Köln, mit dem ich schon beim Pänz-Spendenlauf und beim Ford Köln-Marathon gemeinsam unterwegs war. Die Welt ist doch klein, und Kölner triffst Du fast überall.
Er lief wiederholt in Biel und wollte einfach nur ankommen. Wir trafen uns auf der Strecke dann noch mehrfach.
Nach einer guten halben Stunde weckte ich Daniel und wollte mit ihm klären, wie es denn nun weitergehen sollte. Ich bot ihm an, das er mit dem Shuttle wieder zurück zum Start fahren könnte, um dann dort auf mich (schlafend) zu warten. Dieser Service (Shuttle) wurde glücklicherweise an den jeweiligen Teilstrecken-Enden angeboten.
Er verneinte jedoch und wollte nur noch etwas dösen, dann würde er mit mir weitermachen. Ich war mir etwas unsicher und skeptisch, ob er diesen Willen gleich aufbringen würde, denn wir hatten ja mindestens noch 60 km vor uns!!!! Unterschätze nie die mentalen und körperlichen Fähigkeiten von Kindern/Jugendlichen. Ich war überrascht und stolz zugleich, als er sich eine weitere Viertelstunde später aufs Fahrrad setzte und meinte, dass er mich auf jeden Fall ins Ziel begleiten wollte. Dieser große 15-jährige Schlaks überraschte mich mit seiner Zuversicht. Innerlich zog ich bereits den Hut vor ihm, äußerlich wollte ich bis zum Ziel warten, zumindest mit der dankbarsten aller Umarmungen.
Ich lobte ihn für seinen Willen und seinen Mut, weiter zu machen, bot ihm allerdings auch an, dass er beim nächsten Wechselpunkt immer noch die Möglichkeit hätte auszusteigen. Aber auch dieses Angebot lehnte er schon jetzt ab.
Wir waren also wieder unterwegs und ich hatte das eine oder andere Mal das Gefühl, das er noch nicht ganz wach ist, denn er fuhr schon etwas Schlangenlinien. Zugegeben, es ist nicht einfach, am frühen Morgen nun fast 6 Stunden im Sattel bei Tempo 8-9 neben einem Läufer her zu tuckeln. Da kam mir die Idee, eine weitere Lampe an seinem Rad zu montieren, damit er auf den Dynamo-Antrieb (Rücklicht) ganz verzichten konnte und somit leichter treten sollte. Km 50 wurde passiert, ein Erinnerungsphoto vom Begleiter und vom Läufer gemacht und schon ging es weiter.
Für die mentale Stärke sorgte die langsam beginnende Morgendämmerung, trotz des kurz einsetzenden Regenschauers um 05.30 Uhr. Langsam mussten wir zum nächsten markanten Punkt kommen, dem Ho-Chi-Minh-Pfad der bei km55-56 begann und ca. 10km lang war. Aber erst hieß es bei Kirchberg eine kleine Pause machen, denn gleich hieß es Trennung.
Nach gut einer Viertelstunde Stärkung machten wir uns wieder auf den Weg, trafen begleitende Radfahrer, die uns entgegenkamen. Noch machten wir uns darüber keine Gedanken, aber ca. 300 Meter später schon, denn hier war die Überleitung von der Straße auf einen Waldweg, der für Fahrradfahrer gesperrt war!!!! Hatten wir in Kirchberg die Hinweise zur Umleitung für Radfahrer übersehen?!? Wir konnten uns nicht daran erinnern. So schlug ich Daniel vor, das wir beide noch mal die knappen 500 Meter zurück mussten um zu schauen, wo die Radfahrer ihren Umweg machen mussten. Doch Daniel winkte ab und meinte, dass er das alleine hinbekommen würde. Ich sagte zu ihm, dass er sich sonst ja durchfragen könnte, bzw. auf nachfolgende Radfahrer warten sollte, die dann wüssten wo es lang ging, dazu müsste er ja nur zum Verpflegungspunkt zurück.
Er fuhr also zurück und ich machte mich auf, den berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfad zu bewältigen. Ein leicht ungutes Gefühl durchzog mich, während ich alleine unterwegs war, ich lief prompt schneller als ich eigentlich nach mehr als 7 Stunden in der Lage war. ![]()
Die 10 km bewältigte ich in einer Stunde, trotz schmalem Dammweg, der übersät mit Steinen und Wurzeln war. Im Nachhinein habe ich mir hier die mentale Kraft für die weiteren Kilometer geholt, denn ich überholte hier einige Läufer/Läuferinnen. Am Ende des Pfades mögen es 15-20 Läufer gewesen sein. Der prominenteste, wie könnte es anders sein, war natürlich ein Kölner!!!
Besser ein Urgestein der (Ultra-) Läuferszene, wie ich später erfahren habe hat er dort bereits über 20 x das Ziel erreicht und ist in den Statistiken als Rekordsieger (7-fach) verewigt. Aber Helmut Urbach sah an diesem Tag nicht mehr so frisch aus, er wirkte irgendwie müde und kaputt. Wir sahen uns später noch einmal, womit ich eigentlich nicht wirklich mit gerechnet habe. Kurz vor dem Ende des Pfades wurde der Weg wieder angenehmer, breiter und nicht mehr so übersät von Wurzeln und Steinen. Eine kleine Lichtung war zu erkennen und mehrere Personen waren dort versammelt, hier musste also der Treffpunkt von Läufer und Begleiter sein. Langsam trabte ich in den runden Platz, von dem mindestens 4 Wege abgeleitet wurden, sah mich in der Runde um und sah nur Männer und Frauen jenseits der 30 Lenzen. Unruhig schaute ich noch einmal in die Runde, drehte mich, ging auf sie zu und wurde nervös. Kein Jugendlicher war zu erkennen, ich sprach einige Radfahrer an und bekam nur verneinendes Kopfschütteln und gutes zureden entgegengebracht. Sie meinten unisono, dass der Umweg für die Radfahrer eigentlich in ca. 15-20 Minuten zu bewältigen wäre. Sofort ratterte es bei mir im Kopf, Daniel 20 Minuten!!!, ich 60 Minuten!!! Wo war er bloß?!? Auf Nachfragen hin, erläuterten die meisten das die Schilderung des Radweges eigentlich gut war. Dennoch machte ich mir langsam Sorgen. Hatte er körperliche Probleme und wollte sie mir gegenüber nicht zeigen??! Ist ihm etwas auf der Strecke passiert, gestürzt?!? Hat er sich eventuell verfahren und irrt herum?!? Vielleicht einen Plattfuß?!? Ich entschloss mich erst einmal zu warten und lief dennoch ca. eine halbe Stunde am Treffpunkt auf und ab. Inzwischen waren einige Läufer aus dem Ho-Chi-Minh-Pfad herausgekommen und entweder von ihren Begleitern empfangen worden, oder alleine weiterliefen, Helmut Urbach war auch dabei, in seiner mittlerweile typischen, leicht nach vorne gebeugten Laufhaltung. Ich registrierte sie zwar, aber meine Gedanken waren völlig woanders, aus der Unruhe wurde langsam Verzweiflung, was sollte ich tun?!? Ich konnte doch nicht hier nur rumstehen!!!! 30 Minuten waren bereits vorbei und so entschloss ich mich den Weg entlang zu gehen, der die Radfahrer letztendlich zum Treffpunkt führte. Ich hoffte, das, wenn ich ihm entgegen gehen würde, Daniel vielleicht antreffen würde. Nach einigen Minuten kam mir der erste Radfahrer entgegen, ich signalisierte ihm, dass er kurz anhalten sollte. Er schaute mich etwas verdutzt an, erkannte er doch, dass ich als Läufer auf der falschen Strecke unterwegs wäre. Aber ich kürzte ja nicht ab, eher im Gegenteil. Ich sprach ihn an, sah aber nur Fragezeichen in seinem Gesicht, bis er mir in Englisch zu verstehen gab, das er mich nicht verstanden hat. *lach*
Das munterte mich ein wenig auf, denn ich hatte einfach drauf los geredet. Ich wiederholte meine Fragen nach einem jugendlichen, großen Radfahrer und nach der Beschilderung der Strecke. Er hatte aber weder einen Teenager gesehen, noch Schwierigkeiten mit dem Weg gehabt. Ich bedankte mich trotzdem und wünschte ihm, bzw. seinem Läufer alles Gute. Er wollte die Augen offen halten und machte mir Mut, indem er meinte, dass er schon auftauchen würde.
Ich ging weiter und sah, dass mir bald einer weiterer Radfahrer entgegenkommen sollte. Wäre es ratsam, jetzt direkt mit Englisch anzufangen?!?
Ich sprach ihn auf Deutsch an, aber auch er verneinte meine Fragen, bzw. bestätigte die Übersichtlichkeit. Wir wollten uns gerade verabschieden, da sagte er zu mir, dass in meinem Rücken ein Radfahrer kommen würde, der etwas jünger aussehen würde. Ich drehte mich um, wartete einen Augenblick und sah tatsächlich Daniel auf mich zu radeln. Ich weiß nicht mehr, wie viele Brocken von mir gefallen sind, aber es war einiges, schließlich waren wir im Ausland und in einem großen Waldgebiet unterwegs. Der Radfahrer sah meine Erleichterung und wünschte uns noch einen schönen Tag mit dem Hinweis, das wir uns ja jetzt nicht mehr trennen müsste.
Erst einmal umarmte ich total erleichtert meinen Sohn, um ihn danach zu fragen, was denn passiert sei, das es solange gedauert hat. Ich blieb ruhig und wollte ihm keinerlei Vorwürfe oder schlechtes Gewissen machen, das hatte er bestimmt schon selbst. Das er fernab der Radstrecke gekommen ist, ist mir erst gar nicht bewusst gewesen.
Er erzählte mir, dass er bei unserer Trennung vor dem Pfad zurückgefahren ist und dann den „eigentlichen“ Radweg gesucht hätte. Zum Fragen hatte er niemanden gefunden, auch keinen anderen Radfahrer!!! Hatte er sich nicht getraut?!? Als er schließlich keine andere Möglichkeit gesehen hatte, sei er einfach den „verbotenen“ Weg (Ho-Chi-Minh-Pfad) gefahren. Er fuhr diesen Weg und musste zwischendurch auch an einem Posten vorbei, allerdings wurde er hier nicht aufgehalten. Seine Ausweglosigkeit war ihm wohl im Gesicht anzusehen. Nach diesen unwegsamen 10km tat ihm nun der „Hintern“ noch etwas mehr weh, trotz Federung und weichem Sattel. Solange saß er ja auch noch nie an einem Stück, selbst beim Spielen am PC nicht.
Wir waren letztendlich beide froh, das es gut ausgegangen ist und wir nun wieder auf dem Weg zum eigentlich Treffpunkt waren. Hier angekommen, waren noch einige Radfahrer vor Ort, die ich vor ca. 45 Minuten schon gesehen hatte. Sie freuten sich mit uns, dass es gut ausgegangen ist und wir wünschten uns alle noch Gegenseitig viel Spaß. Erst jetzt merkte ich, das meine Laufklamotten nicht nur leicht nass waren, sondern auch kühl an meinem Körper wirkten und mir kalt wurde. Ich trabte wieder los, nachdem Daniel mir signalisierte, dass er keine Pause bräuchte. Ich wollte mir nur noch einmal ein neues Laufshirt anziehen und damit durch das Ziel laufen, daher wartete ich und hoffte wieder warm zu werden. Schließlich hatte ich ja noch ein besonderes Laufshirt dabei. So vergingen die nächsten Stunden, mal ruhig und gut und mal etwas quälend und schleppend. Aber die Stimmung stieg, als der Samstagmorgen als ein sonniger Tag anfing und die Landschaft immer noch abwechslungsreich war. Daniel hatte sogar den Blick für kleine Wortspielereien, als wir am Ort „Arch“ vorbeikamen. ![]()
Wir hielten kurz an und ich zog mir mein selbstbedrucktes Laufshirt an. Kurz danach wurden wir ca. 1,5 Stunde lang von Schmetterlingen und Libellen der verschiedensten Arten begleitet, es mögen tausende Schmetterlinge gewesen sein, als wir für ca. 10 km entlang der Aare liefen. Das Wasser hätte mich auch locken können. Die Kilometerschilder machten langsam wieder Mut, erst 80, dann 85 und nun 90km geschafft, das Ende war abzusehen und wurde von uns beiden herbeigesehnt. Wir verließen den Weg an der Aare/Nidau-Büren-Kanal und näherten uns der 95er Markierung. Nun sei es nur noch ein Katzensprung und die Markierung kam jetzt jeden Kilometer. Auf der Strecke habe ich übrigens zwischen km 65 und km 95 immer wieder dieselben Läufer gesehen, mal wurde ich überholt, mal überholten wir. Immer abhängig davon wer gerade etwas Pause machte, sich verpflegte oder umzog. Übrigens möchte ich hier einen großen, großen Dank an meinen Sohn aussprechen, der nicht nur mit dem Rad mein Begleiter war, sondern darüber hinaus auch noch mein Coach und Verpfleger war, der meine Ersatzklamotten transportierte und seit mittlerweile knapp 30 Stunden nicht mehr geschlafen hatte, wenn ich mal das Dösen in der Nacht außen vor lasse. Das Fahrradfahren mit dem Korb an der Lenkerstange war nicht einfach, denn hier lagerten einige Flaschen und etwas zu essen. Der Rucksack am Gepäckträger machte sich kaum bemerkbar. Wie sich später herausstellte, war nicht es nicht der Hintern, der ihm am meisten wehtat, sondern der Muskelkater in den Armen und im Schulterbereich. Wir passierten km 97 und km 98 und ich bereitete Daniel darauf vor, das wir bei km 99 anhalten müssten, weil ich dann gerne ein Photo von mir und dem Kilometerschild haben wollte. Den Lautsprecher vom Ziel hörten wir bereits seit einiger Zeit, als Daniel die Bilder machte, hörte ich die Ankunft von Helmut Urbach im Ziel. Schade, im Nachhinein wäre ich gerne einige Kilometer mit ihm zusammengelaufen. In den nächsten Jahren stehen bei mir andere (größere) Ereignisse zwischen Mai – Juli an, sodass für Biel keine Zeit ist. Aber irgendwann möchte ich hier noch einmal dabei sein. Die Bilder waren gemacht und wir legten den letzten Kilometer ruhig und ohne Temposteigerung zurück.
Die Kamera für die Zielbilder lag im Korb, aber diese benötigten wir nicht mehr, da von „unserem“ finish einige Bilder gemacht wurden. Das war mir wichtig, das nicht nur der Läufer wichtig war und bebildert wurde, sondern auch der Coach!!!!
Wir wurden vom Sprecher begrüßt, namentlich genannt und die Grüße, die auf meinem Laufshirt standen, wurden dankend angenommen und sprichwörtlich wurde Köln von Biel zurück gegrüßt.
Ein schönes Gefühl!!!!!!
Übrigens hatte ich während des ganzen Laufes eine ¾ Tight an, trug am rechten Knöchel mein Klettband mit dem Chip und unterhalb des linken Knies ein Klettband mit Blinklichtern. Eigentlich nichts ungewöhnliches, allerdings sollte das Lichterband noch für einiges Gelächter sorgen, denn der sonnige Samstagvormittag sollte hier Spuren hinterlassen haben. Ich hatte doch tatsächlich Sonnenbrand an den Beinen, bis auf einen schönen und dicken Streifen an der Stelle des Klettbandes. ![]()
Wir umarmten uns nach dem Zieleinlauf, ich bedankte mich zum ersten Mal bei Daniel und zog nun auch äußerlich den Hut vor ihm für seine tolle Begleitung. Er war schon fast wieder zu cool und meinte, dass das doch gar nicht so anstrengend war. Kids halt!! ![]()
Die Medaille wurde mir umgehängt, mein bisher größtes Laufabenteuer war erfolgreich beendet, die Emotionen kamen hoch und ein wenig Stolz machte sich breit.
Nach ziemlich genau 15 Std. 15 Min. und 22 Sek. waren wir im Ziel, etwas länger als ursprünglich geplant, aber glücklich, das es nur länger gedauert hat und die zwischenzeitlichen Unterbrechungen auch anders hätten enden können!!!!!
Die körperliche Anstrengung sollte sich später bemerkbar machen. Wir gingen in die Halle, wo es ursprünglich die Startunterlagen gab und ich nun sehnsuchtsvoll das Finisher-Shirt haben wollte, das mir fast wichtigste Symbol eines nun endgültigen „Ultraläufer“. Ich hatte es tatsächlich geschafft, die 100er Grenze ist geknackt!!!!
Wir waren zwar nun im Zielbereich, aber das hieß für uns beide noch nicht, dass wir schon da waren, denn nun hieß es noch ins Hotel zu kommen. Weitere ca. 5 km warteten noch auf uns, ich machte Daniel den Vorschlag, das er doch mit dem Bus zum Hotel fahren könnte, denn nun sah ich auch an ihm, das er stehend ko war. Wir holten noch meine Tasche aus der offiziellen Umkleide- und Duschhalle heraus und machten uns auf den Weg zur Bushaltestelle, er stieg ein und ich fuhr mit dem Fahrrad zum Hotel. Die Knochen spielten noch mit, es war fast angenehm eine andere Bewegung durchführen zu können.
Kurze Zeit später trafen wir uns am Hotel, groggy, glücklich, freudig über eine heisse Dusche und süchtig nach einem weichen Bett. Aber Daniel wollte noch unbedingt zu irgendeiner Hamburger-Kette, er hatte riesigen Hunger. Das wir hierfür noch einmal 30 Minuten hin und wieder zurücklaufen müssten, war ihm egal. Wir duschten also beide und zogen uns um, nahmen das Fahrrad mit, welches wir direkt am Bahnhof wieder zurückgeben wollten, auch wenn es aussah, als wenn es eine Trailtour hinter sich hatte. Der Mitarbeiter am Bahnhof meinte aber, das es normal und in Ordnung sei und das es bekannt ist, wenn die Räder beim 100km Lauf in Biel dabei wären, das sie „leicht“ verdreckt aussehen würden.
Nun machten wir uns auf zu McDonald, Daniel aß sich satt und ich kämpfte mit einem Burger, hatte nicht wirklich Appettit, wie ich es eigentlich nie nach einem Marathon oder einer längeren Distanz habe. Aber ich hatte es ihm versprochen und dank seiner Leistung war es mir ein Vergnügen, vielleicht hätte ich es noch tagelang gemacht.
Gesättigt und leicht müde, machten wir uns aus dem Sprachgewirr von Deutsch, Französisch, Englisch und Schwyzer-Dütsch bei der Burger-Kette auf dem Weg zum Hotel.
Wir hatten ungefähr 16.30 Uhr als wir dort ankamen, wir schmissen uns beide sofort auf das Bett, Daniel machte den Fernseher an und keine 15 Minuten später war ich weg, tief und fest im Schlummerland. Lange habe ich nicht mehr so tief, fest und vor allen Dingen so lange geschlafen. Daniel erzählte mir später, dass er gegen 18 Uhr eingeschlafen ist. Übrigens sind wir am Sonntagmorgen erst gegen 9 Uhr wach geworden. Der Körper hatte sich also die nötige Ruhe zurückgeholt!!!! Beim Frühstück trafen wir noch andere Finisher und später auf dem Weg zum Bahnhof sah ich das eine oder andere orange farbige Finisher-Shirt. Selbst als wir später in Zürich ankamen und im Flughafen etwas gegessen hatten, sah ich einige auswärtige Starter. Aber nun hatte ich auch endlich reichlich Appettit!!!!
Wir freuten uns auf den Heimweg, Biel war eine Reise wert, vielleicht mehr als das.
Wir haben beide eine Erfahrung gemacht, von der wir sicherlich noch profitieren werden.
Danke Daniel!!!!