Erfurt Marathon „Unter Tage“ am 08.12.2007
Eigentlich war der Rodgau-Ultralauf Anfang 2008 geplant, aber diesen musste ich aus terminlichen Gründen absagen, sodass ich im November spontan auf der Suche nach einem Abschluss-Highlight in 2007 war.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, über welche Homepage ich auf den Veranstalter des Erfurter „Unter Tage“-Marathon gekommen bin, aber ich bin dieser Seite dankbar, trotz der Anstrengungen und Turbulenzen, die dieser Tag mit sich bringen sollte.
Ich hatte das Glück, das im November noch einige wenige Startplätze (Limit 400) frei waren und ich mich als einer der letzten Läufer noch anmelden konnte.
Nun hieß es, den Tag zu organisieren, denn laut Routenplaner war es von Wesseling/Köln bis Erfurt knappe 395 km und Start war um 10 Uhr.
Ich entschied mich gegen eine Übernachtung und für eine frühe Anreise und wollte mich gegen 5:45 Uhr auf den Weg machen und spätestens gegen 9 Uhr vor Ort sein.
Die Tasche war gepackt, wie immer viel zu voll, als wenn ich eine 3-Tagestour machen würde. Aber ich war mir unsicher, ob die Temperaturen wirklich so angenehm sein würden, wie es in der Ausschreibung stand.
Eigentlich völliger Quatsch, denn es war die 6. Auflage und wer sollte es besser wissen als der Veranstalter?!? Im Nachhinein ein unnötiges Misstrauen, schließlich bin ich jetzt schon auf einigen Lauf-Veranstaltungen gewesen.
Es wurde den interessierten Läufern/Läuferinnen vor Anmeldung geraten, nur dann die Anmeldung auszuführen, wenn sie sich völlig fit fühlen und mit extremen Bedingungen klar kommen würden, da der Marathon höchste Anforderungen an Physis und Psyche stellen würde. Geschätzte 25 °C und nur 30 % Luftfeuchtigkeit würden runde 700 Meter unter Tage die Rahmenbedingungen stellen, wobei es einen Rundkurs von ca. 10,5 km zu bewältigen gab, inclusive jeweils 310 Meter Höhenunterschied.
Profilläufe war ich ja schon durch den Rheinsteig-Extremlauf oder den Roentgenlauf gewohnt, aber mitten im Winter bei warmen Temperaturen unter der Erde durch ein Wirrwarr von Gängen?!? Vorstellen konnte ich es mir nicht.
Wie gesagt, gegen viertel vor 6 saß ich im Auto und machte mich auf den Weg in Richtung Erfurt. Die erste Stunde verging ziemlich schnell, trotz Regenwetter, aber das war mir an diesem Tag egal, denn ich wusste ja, das ich im Trockenen laufen würde. Der Verkehr war mäßig und so kam ich weiterhin gut durch, bis ich ans Kreuz Kassel kam und bei Kassel-Süd leider in die falsche Richtung gefahren bin, denn hier lies ich mich vom Schild „Erfurt“ ablenken. Das Ziel Erfurt war schon richtig, allerdings führte mich das erst einmal in den Süden auf einen totalen Umweg. Eine halbe Stunde bin ich in die falsche Richtung gefahren, bis ich tanken musste und gemerkt habe, das der Norden die richtige Richtung gewesen wäre. Tja, man sollte sich den Routenplaner nicht nur ausdrucken und auf den Beifahrersitz lege, sondern zwischen auch mal richtig lesen. ![]()
Somit war der Zeitplan über den Haufen geworfen, da ich geschätzte 30-45 min verloren habe und wahrscheinlich erst kurz nach halb 10 Uhr ankommen würde.
Leichte Nervosität machte sich bemerkbar. Nachdem ich wieder auf dem richtigen Weg unterwegs war, beruhigte ich mich etwas, aber nicht lange, denn runde 50 km vor dem Ziel in Sondershausen, hörte die Autobahn auf und führte auf einer Verbindungsstraße knappe 30 km bis zur Weiterführung der Autobahn. Dieser Zwischenabschnitt wurde noch gebaut, das es allerdings so sehr über die Dörfer ging überraschte mich und gab mir einen weiteren mentalen Rückschlag.
Schließlich hatte ich mir nicht so eine lange Anfahrt aufgebürdet, um dann zu spät zu kommen und eventuell gar nicht starten zu dürfen. Aber wie heißt es so schön, „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Im Nachhinein muss ich sagen, das da etwas wahres dran ist.
Letztendlich war ich genau um 10 Uhr am Parkplatz des Bergwerkes angekommen, suchte mir einen Randstreifen aus und stellte den Wagen ab, packte meine Lauftasche und rannte in Richtung der Gebäude, suchte die Umkleidekabine, aber fand niemanden. Sämtliche Räume waren leer, bis auf einen riesigen Raum voller Ketten. Mein Blick nach oben versetzte mich dann doch ins lächeln, denn da hing nicht nur Kleider der Bergmänner, sondern auch Lauftaschen. Von hier aus schickte man mich zum Schachtraum, endlich sah ich wieder etwas hoffnungsfroher aus, als mir sofort 3 Bergleute halfen, den Schachtaufzug fertig machten, „unten“ bescheid gaben und mich hinunterfahren ließen, obwohl die Veranstaltung schon längst begonnen hatte. Ich sah die Hand vor Augen nicht, als es bergab ging, in einem Moment wurde es kühler und ein paar Meter weiter drang Wärme in den Aufzug. Vor lauter Stress sollte es mir eigentlich überhaupt nicht kühl sein. Nach ca. 700 m Fahrt hinab in den Berg,
lief ich auf die Menschen zu, die irgendwie „offiziell“ aussahen und wurde prompt von 2 Helfern des Veranstalters hervorragend aufgenommen und betreut.
Laufend holten wir meine Startnummer, obwohl man schon dabei war, die Unterlagen der nicht startenden Läufer weg zu bringen. Derweil zog ich mich um und vergaß in der Hektik zwei wichtige Utensilien, die mir später sicherlich geholfen hätten. Meinen MP3-Player, obwohl ich mich später auch mit dem einen oder anderen Läufer unterhalten habe und was noch viel wichtiger gewesen wäre, meine Stirnlampe. Die Beleuchtung im Bergwerk war zwar recht gut, aber nur alle ca. 50 Meter war es richtig hell, dazwischen reichte es von diffus bis fast dunkel.
Nicht das es nicht gereicht hätte, aber der Kopf fühlt sich doch sicherer, wenn die Augen den Boden deutlich sehen, den man unmittelbar belaufen wird. So startete ich, nachträglich noch vom Veranstalter herzlichst begrüßt, eine viertelstunde später als die vorauseilende Meute. Nach einer halben Stunde überholte ich einen Sanitätsradfahrer, der die Strecke abfuhr, um nach den Läufern zu schauen. Er fragte mich, wo ich denn herkommen würde, da doch schon alle Läufer längst unterwegs waren. Ich antwortete ihm, das ich aus Köln kommen würde und verspätet angekommen bin und glücklicherweise dennoch starten durfte.
Dieses kurze Gespräch sollte später sehr wichtig gewesen sein.
Nach ca. 1 Stunde hatte ich bereits eine Handvoll Läufer überholt und ich sah einige weitere sich bewegende Lichter vor mir. Ich hatte das Ende der Starter erreicht, allerdings waren dies nicht alle Marathonläufer, sondern teils auch HM-Starter. Dennoch sackte etwas in mir, ich fühlte mich im Wettkampf angekommen, der Laufgenuss konnte nun beginnen. Ich achtete mehr und mehr auf die Steigungen und Gefällstrecken, musterte ausrangierte Jeep´s und Förderfahrzeuge. Einige dieser „alten“ Karren müssen 30 Jahre und mehr auf dem Buckel gehabt haben.
Es war sehr warm hier unten, die Luft eigentlich ganz okay und die Versorgung mit Getränken und Obst bestens, ebenso wie die Helfer, auch wenn sie mich etwas anpatzten, als ich beim ersten Verpflegungspunkt vorbeilief und sie riefen, das ich unbedingt etwas trinken müsste. Zu dem frühen Zeitpunkt hatte ich aber noch andere Sorgen. Später aber, ab der zweiten bis zur vierten Runde (je Runde 10,4km) nahm ich jede Verpflegung dankbar mit. ![]()
Es war sehr interessant und anstrengend in diesem Bergwerk zu laufen, mal leuchteten Kristalle auf der linken Seite, mal an der Decke, mal in rot, dann wieder in weiß, mal hörte man Stimmen, dann war es wieder dunkel und ein wenig beklemmend. Spätestens hier hätte ich wohl das erste Mal einen meiner Kopfhörer ausgezogen um eventuell „Geräusche“ zu hören, wenn ich denn den MP3-Player dabei gehabt hätte. ;-))
Fasziniert von der Strecke und von weiteren Läufern, die ich „einsammeln“ konnte, lief ich unbeschwert und locker die 2. Runde. Die erste Runde hatte ich in 1:17:29 geschafft, trotz des verspäteten Starts. Dies hatte meine Zuversicht gestärkt, jedoch sollte sich das nach 2/3 der 2. Runde entscheidend ändern.
Gesperrte Gänge waren durch Flatterbänder abgetrennt, eigentlich waren diese alle frühzeitig zu erkennen. Als ich jedoch auf einem kleinen Bergabstück links in eine Kurve lief und mittendrin feststellte, das in der kommenden Gabelung der linke Weg abgesperrt war und der rechte weiter abwärts führte, reagierte der Kopf zuerst und die Beine etwas zu spontan. Noch in der Kurve versuchte ich die Richtung mit dem Standbein zu ändern, was auf dem sandigen Untergrund zu meinem Verhängnis wurde. Ich rutschte weg und legte mich auf komplett auf die rechte Seite, das Knie zuerst und das Becken kurz danach. Lautes, schmerzliches Fluchen folgte über die Unachtsamkeit, denn das es teils rutschig war, trotz profilierter Laufschuhe, merkte ich besonders an den Anstiegen. Der Sand klebte an meiner rechten Seite, noch während ich auf dem Boden lag, liefen Läufer zu mir auf, die mir spontan Hilfe holen wollten. Ich bedankte mich mit dem Hinweis, das ich die 2. Runde zu Ende bringen wollte, um dann zu schauen ob noch was geht. Anstatt ich mir Sorgen machte, ob ich mich überhaupt bewegen, geschweige denn laufen kann, hatte ich nur die Zwischenzeit im Kopf, die der Veranstalter zum Wohle der Läufer bei 2 Runden auf 2:45 Std. begrenzt hatte. Jetzt kam zu meinen 15 Minuten vom Start noch ein Sturz hinzu, die zwischenzeitliche Unbeschwertheit war im Nu verflogen. Ich stand wieder auf und ging ein paar Meter, es schmerzte leicht, aber weniger als ich im liegen vermutet hatte. Langsam trabte ich wieder los und kam zur nächsten Verpflegungsstation. Dort sah man mich etwas erschrocken an, denn zu meinen dreckigen Beinen hatte sich noch etwas anderes hinzugefügt. Es sah übel aus, aber als ich dann reichlich Wasser über das rechte Bein kippte und somit Sand + Blut wegspülte hellte sich nicht nur meine Miene auf. Trotz leichter Wundschmerzen. Jetzt hieß es nur noch die 2,5 km bis zum Ziel durchhalten um dann zu entscheiden, ob ich die 2. Hälfte der Strecke in Angriff nehme oder aussteigen musste, entweder wegen des Zeitlimits oder wegen stärker werdender Schmerzen.
Aus dem leichten Traben wurde ein Laufen, der Blick auf die Uhr erfolgte knapp alle 100 m, von Schmerzen keine Spur, zumindest nicht bewusst. Ich näherte mich Schritt für Schritt dem Ziel und kam tatsächlich nach knapp 2:43:46 dort an.
Das Schienbein sah für den Betrachter heftig aus, die Wunde hörte einfach nicht zu bluten auf. Ich reinigte sie ein weiteres Mal. Die Verantwortlichen hatten wohl meine Startnummer notiert, denn sie sprachen mich prompt an, dass ich doch derjenige wäre, der verspätet gestartet ist. Ich nickte zustimmend. Wie ich später erfahren habe, sind nach mir nur noch 3 Läufer schneller als die vorgegebene Zeit von 2:45 auf dem HM geblieben und durften somit weiterlaufen.
Gesehen habe ich keinen mehr von diesen, sie haben wohl zwischenzeitlich aufgeben müssen. Wie ich zu dieser Feststellung komme?!? Ich hatte später ein Vergnügen, welches mir bis dahin unbekannt war. ;-))
Erst einmal war ich froh, die Zwischenhürde trotz der beiden Probleme gemeistert zu haben. Ich erinnerte mich an die wirklich langen Strecken, an den Remscheider Roentgenlauf und an Biel, an meinen ersten 12-Stundenlauf in Köln. So stiegen in mir die mentalen Stärken, trotz der immer noch vorhandenen leichten Schmerzen im Knie und im Becken. Es lief eigentlich ganz gut, ich war zwar erheblich langsamer als zuvor, aber das war mir egal, nun hieß es nur noch durchhalten und finishen. Etwas anderes wäre angesichts der langen Anreise auf längere Sicht wohl schwer verdaulich. Die dritte Runde beendete ich nach 1:48:04 und war somit
Knappe 22 Minuten langsamer als in der Runde zuvor. Mental war ich zwar gut drauf, aber der Körper ließ doch mehr und mehr nach. Die Gehpausen wurden angesichts der anstrengenden Steigungen länger, die Gefälle wurden nicht richtig gelaufen, sondern getrabt. Die Kraft ließ nach. Ich entschloss mich, den Rest der Strecke zu gehen und das Laufen zu lassen. Der Versuch, das rechte Bein so wenig wie möglich vom Knie bis zum Becken zu belasten, führte zu ersten Krämpfen. Es sah aus, das die letzte Runde noch etwas langsamer als die 3. Runde wurde. Ich war nach der 3. Runde schon 4 Std. 30 unterwegs, etwas länger als ich es mir tags zuvor vorgestellt hatte. ;-))
Mittlerweile hatte ich die erste der letzten Versorgungsstationen erreicht, man begann schon langsam mit dem Abbau. Für mich waren jedoch noch Getränke da. 2,5 km später an der vorletzten Station hatte man schon abgebaut und lud die Bänke und Getränke schon auf einen Transporter. Ich wurde herzlich begrüßt, speziell von denjenigen, die mir kurz nach meinem Sturz in der 2. Runde alles gute gewünscht hatten und mich, wenn ich durchhalten würde, zum „König“ machen wollten, wenn sie eine Krone gehabt hätten. Es wirkte, denn zu meinem eigenen Lächeln kam noch eine gehörige Portion Durchhaltevermögen hinzu.
Ich machte mich auch von dieser Station auf den Weg weiter durch das unterirdische Bergwerkslabyrinth. Nach weiteren 5 – 10 Minuten hörte ich Motorengeräusche hinter mir. Sollte ich das erste Mal in meine „Laufkarriere“ vom Besenwagen eingesammelt werden?!? Ich wurde unruhig, konnte mich aber kurz darauf beruhigen, denn der erste von beiden Transportern war voll besetzt mit den Helfern der Verpflegungsstände, dennoch wollten sie mich mitnehmen. Ich verneinte lächelnd, denn so kurz vor dem Ziel höre ich doch nicht auf. Vom 2. Transporter stieg eine Frau ab, die mich ins Ziel begleiten wollte, sozusagen als Begleitung des letzten Läufers.
Verpflegung (Getränke) hatte sie auch dabei. So gingen wir gemeinsam und quatschend in Richtung Ziel. Es war sehr unterhaltsam, denn sie war vom veranstaltenden Verein und konnte mir so einiges über die Region und weitere Läufe erzählen. Weitere 10 Minuten später kam ein weiteres Fahrzeug (Jeep) immer näher. Es war ein Sicherheitsbeamter, der zur Kontrolle prüfte, das niemand mehr im Bergwerk unterwegs ist, sofern die Veranstaltung zu Ende ist. Er musste sich also etwas gedulden und hinter uns hertuckern. Auf dem Weg zum Ziel hielt meine Begleiterin Ausschau nach Kristallen, die ich als Souvenir mit nach Hause nehmen könnte, ohne dabei als „Dieb“ angesehen zu werden. Dies würde dort nicht so eng gesehen.
Im Ziel hatte ich dann weiße und leicht rötliche Kristalle dabei. Ich bedankte mich herzlich bei meiner Begleitung, wurde im Ziel genauso herzlich empfangen, beglückwünscht und kurz ärztlich versorgt.
Keine 5 Minuten später hatte ich meine Urkunde in der Hand, nachdem ich bereits stolz zuvor die Medaille angenommen hatte.
Ich bin durchgekommen, habe es geschafft, trotz leichter Schwierigkeiten.
Mit etwas zeitlichem Abstand würde ich diesen Wettkampf als körperlich und mental härtesten Wettbewerb für mich persönlich ansehen, trotz diverser Ultraveranstaltungen, die ich bereits erfolgreich beendet hatte.
Die mehrstündige Fahrt zurück nach Wesseling (Köln) war glücklicherweise nicht so anstrengend, wie ich es nach dem Sturz, bzw. kurz vor dem Zieleinlauf gedacht hatte, denn mein kleiner Golf hatte ja den Luxus eines Tempomaten. ;-))
So konnte ich die Beine entlasten und in Richtung Heimat cruisen. *grins*
Fazit:
Der Untertage-Marathon Erfurt (Sondershausen) ist sehr zu empfehlen, eben weil die Teilnehmerzahl begrenzt ist und die Lage der Laufstrecke (700m tief) ziemlich einzigartig ist. Dennoch sollte hier wirklich nur die/derjenige an den Start gehen, die/der die Ausschreibung „richtig“ gelesen hat, denn das Profil ist nicht ohne und das Klima fordert auch einiges ab.
Und den Fehler, der An- und Abreise am Marathontag solltet ihr vielleicht auch nicht machen, zumindest nicht bei längerer Fahrt. ;-))